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Heroin vom Staat als letzter Rettungsversuch (Nürnberger Nachrichten, 30.04.2002)

München beteiligt sich neben sechs weiteren Großstädten an einem Projekt für schwerstabhängige Süchtige

Heroin vom Staat als letzter Rettungsversuch

Drogenpolitik beschreitet neue Wege: Im Rahmen des bundesweiten Modells startet im Mai die Heroinstudie auch im Freistaat

VON CLAUDIA BEYER
MÜNCHEN Mit einem umstrittenen Modellversuch startet eine neue Ära der deutschen Drogenpolitik. Süchtige können sich dreimal täglich Heroin injizieren kostenlos, legal und unter ärztlicher Aufsicht. Das Projekt richtet sich an Langzeitabhängige, die durch Therapien oder der Ersatzdroge Methadon keinen Weg aus ihrer Sucht finden. München ist einer der sieben Städte, die an der Studie teilnehmen.

Die Spritze füllt sich. Zehn Milliliter. Die Flüssigkeit spritzt mit einem leisen Zischen ins Glas, das vor Helmut B. auf dem Schreibtisch steht. Er greift zum Apfelsaft und verdünnt den Methadoncocktail. Ein schneller Schluck. "Bäh", er schüttelt sich und berührt die Räder seines Rollstuhls. Doktor Götz Maffeld, der ihm gegenüber sitzt, notiert die Tagesdosis. Der Mediziner in Wollpullover und Jeans versorgt bei der Drogenhilfe "Prob e.V." im Münchener Bahnhofsviertel jeden Vormittag Süchtige mit der Ersatzdroge Methadon, eine legale Alternative zu Heroin.

Sein Patient nimmt seit letztem Jahr am Methadonprogramm teil, hofft jedoch auf im Mai anlaufende Heroinstudie. Dann erhalten Schwerstabhängige in München erstmals offiziell und kontrolliert Heroin. Die Teilnehmer des bundesweiten Modellprojekts müssen seit über fünf Jahren abhängig sein und bereits erfolglos an einer Therapie teilgenommen haben.

"Du hast alle Voraussetzungen", sagt Mattfeld und reicht ihm ein dünnes Infoblatt. Bei Helmut B. ist die psychische Gier nach dem Kick des Heroins stark ausgeprägt. Das Methadon hat zwar seinen Heroinkonsum reduziert, aber er kann nicht ganz auf den Stoff verzichten. Er will sich auf jeden Fall beim Münchener Referat für Gesundheit und Umwelt für die Heroinstudie bewerben, denn "es ist eine letzte Chance".

Helmut B., 33 Jahre alt, heroinabhängig. Seine Drogenkarriere begann mit Hasch, ein paar Trips, ein bisschen Koks und schließlich mit 17 Jahren die Neugierde auf Heroin. "Das hat auf Anhieb getaugt, bin ich dran hängen geblieben", erzählt der Süchtige.

Er rollt in den angrenzenden Raum. Orangefarbene Wände, Grünpflanzen auf der Fensterbank, bunte Stühle wie Tische mit Kaffeetassen und vollen Aschenbechern. Stimmengewirr. Helmut B. rückt seine Schirmmütze zurecht und stemmt sich aus dem Rollstuhl. Während seiner Therapie war er zwei Jahre ganz weg vom Heroin, "hat aber nicht lange gedauert". Eigentlich nur wenige Tage. "Man sucht immer Ausreden, warum man rückfällig wird", sagt er. Bei den Worten geraten seine Hände in Bewegung, sinken langsam in den Schoß zurück. "Ich habe es vielleicht zu sehr auf die leichte Schulter genommen", fügt er leise hinzu.

Unter seinem Pulloverärmel schaut ein Stück Totenkopf hervor. "Alle möglichen Tätowierungen", murmelt er, "gegen die Langeweile im Knast." Acht Mal war er im Gefängnis, insgesamt über sechs Jahre. Er brauchte Geld. "Habe Stoff vertickt. Es war nie mein Ding, alten Omis die Handtasche zu klauen". Bei den Süchtigen ist der soziale Abstieg programmiert. "Wenn du drauf bist, ist es ein Fulltimejob. Es bleibt keine Zeit außer fürs Geld auftreiben oder dicht sein."

Vor acht Monaten landete Helmut B. im Krankenhaus: 38 Kilogramm, Lungenentzündung, schwere Thrombose durch Injektionen in die Leistengegend. "Ich fand nach der langen Zeit keine anderen Venen mehr", erzählt er und starrt ins Leere. Die nächsten Monate muss er deswegen noch im Rollstuhl sitzen. Das Sozialamt bezahlt ihm ein behindertengerechtes Zimmer, sonst wäre er obdachlos.

Seine Augen streifen Sandy K., die mit schnellen Bewegungen aus Tabak eine wohlgeformte Zigarette zaubert. Die 34-Jährige hing bereits mit elf Jahren an der Nadel. Ihre Mutter "war schon immer drauf. Mit 55 ist bei der sowieso alles zu spät." Sandy K. schluckt seit zwei Jahren die Ersatzdroge. Sobald sie Arbeit gefunden hat, will sie ihre Ration runterdosieren.

"Wie die Made im Speck"

Götz Maxfeld, der sich nach der Methadonausgabe zu seinen Schützlingen setzt, will auch die anderen über die Heroinstudie informieren. In München erhalten ab Mai 30 Patienten Metahdon und 30 Heroin. "Es soll verglichen werden, welcher Ansatz die Leute weiterbringt", erklärt er. "Ich halt' da gar nichts von. Das ist ja wie die Made im Speck", kontert Sandy K. und schaut den Arzt herausfordernd an. Dieser trommelt mit der Infobroschüre auf seinem Bein: "Ich bin mir nicht sicher, wie positiv das ist. Aber die Leute kommen raus aus der Illegalität. Auch die, die nicht ins normale Hilfesystem rein wollen."

"Aber die Gesellschaft kriegt einen noch größeren Hass auf uns von wegen Steuergelder verschwenden", tönt es aus einer Ecke. Die Diskussion unter den Betroffenen läuft genauso kontrovers wie in der breiten Öffentlichkeit.

Aber das ist Helmut B. egal, für ihn ist die Heroinstudie ein letzter Hoffnungsschimmer. Er muss jetzt sowieso zur Krankengymnastik, nimmt sein Prospekt und rollt zum Ausgang.

© 2002 Nürnberger Nachrichten